Zum Inhalt springen

Wissen

Glücksspiel und Wetten

Hilfe

Wie die Sammlung geordnet ist

Jede Themengruppe steht auf einer eigenen Seite; die Übersicht führt sie alle auf, und das Zeichen links oben führt dorthin zurück. Das Verzeichnis links springt innerhalb einer Gruppe zu einer Seite und in eine andere Gruppe hinüber; das Zeichen hinter einer Überschrift führt auf sie zurück und lässt sich als Lesezeichen ablegen. Auf schmalem Fenster steht es nicht daneben: » Verzeichnis unter der Kopfleiste holt es hervor, « verbirgt es wieder.

Suchen

Das Feld auf der Übersicht durchsucht alle Themengruppen, Seiten und deren Überschriften zugleich; ein Treffer in einer Überschrift wird als Sprungziel unter der Seite sichtbar. Umlaute sind gleichgültig — „warme“ findet „Wärmeleitung“ ebenso wie „waerme“. Innerhalb einer Themenseite findet die Suche des Browsers, was dort steht.

Behelfe

Etliche Merkblätter bringen einen kleinen Behelf mit — Anhalteweg, Widmark, U-Wert, Vorspannkraft. Sein Kasten steht unter einer Überschrift, die mit „Behelf:“ anfängt; die Zeile unter dem Seitentitel zählt die Behelfe der Notiz auf. Zahlen eintragen, das Ergebnis steht darunter; gerechnet wird im Browser, nichts wird übertragen.

Woher der Inhalt kommt

Die Seiten entstehen beim Bau aus einem Wissensverzeichnis; die Anwendung schreibt nichts. Was hier steht, ist eine Sammlung für den eigenen Gebrauch und keine Auskunft, auf die man sich verlassen sollte, ohne sie zu prüfen.

Tastenkürzel

KürzelWirkung
/auf der Übersicht in das Suchfeld springen
F1diese Hilfe
Eingabeim Suchfeld den ersten Treffer öffnen
Escdas Suchfeld räumen, die Hilfe schließen
Strg + Umschalt + Zzwischen heller und dunkler Fassung wechseln

Glücksspiel und Wetten

Glücksspiel#

Behelf: Kombinatorik und Ziehungswahrscheinlichkeit · Behelf: Erwartungswert und Hausvorteil · Behelf: Spielverlauf und Stundenverlust

Die Rechengrundlagen des Spiels gegen einen Anbieter, der den Zufall selbst erzeugt: Auszahlungsquote, Hausvorteil, Kombinatorik der Ziehungsspiele und der Verlauf über viele Spiele. Die Wette gegen einen Buchmacher oder einen Wettpool steht in Wetten; was beide Seiten gemeinsam haben und wo sie auseinandergehen, in Glücksspiel und Wetten.

Die vier Größen#

Jedes Glücksspiel lässt sich mit vier Zahlen beschreiben. Wer sie kennt, braucht die Werbung des Anbieters nicht zu lesen.

Größe Bedeutung typischer Wert
Auszahlungsquote (RTP, return to player) Anteil der Einsätze, der langfristig an die Spieler zurückfließt 85 bis 97 %
Hausvorteil 1RTP1 - RTP; der Anteil, der beim Betreiber bleibt 3 bis 15 %
Trefferhäufigkeit (hit frequency) Anteil der Spiele mit irgendeinem Gewinn 20 bis 45 %
Volatilität Streuung des Ergebnisses je Spiel, gemessen als Standardabweichung in Einsätzen 1 bis 20

Auszahlungsquote und Hausvorteil sagen etwas über den Erwartungswert, die beiden anderen über den Verlauf. Zwei Spiele mit derselben Auszahlungsquote von 95 % fühlen sich völlig verschieden an, wenn das eine oft kleine und das andere selten große Gewinne ausschüttet — und sie führen zu völlig verschiedenen Verlustverläufen innerhalb eines Abends.

Ein verbreiteter Irrtum ist die Gleichsetzung von Auszahlungsquote und Verlustquote. Wer 100 Euro einsetzt, sie gewinnt, wieder einsetzt und so fort, erzeugt bei einem Hausvorteil von 5 % nach zwanzig Umsätzen einen erwarteten Verlust von rund 64 Euro, nicht von 5. Maßgeblich ist der Umsatz (handle), nicht der eingezahlte Betrag.

Behelf: Kombinatorik und Ziehungswahrscheinlichkeit#

Erwartungswert#

Der Erwartungswert eines Spiels ist die Summe der mit ihrer Wahrscheinlichkeit gewichteten Ergebnisse:

E=ipixiE = \sum_{i} p_i \cdot x_i (1)

Beim Roulette mit einfacher Null und einem Einsatz auf eine einzelne Zahl (Auszahlung 35 : 1):

E=13735+3637(1)=1370,027E = \frac{1}{37} \cdot 35 + \frac{36}{37} \cdot (-1) = -\frac{1}{37} \approx -0{,}027 (2)

Der Hausvorteil beträgt also 2,70 % — und zwar bei jeder Setzart des Roulettes gleich, was das Spiel unter den Kasinospielen mathematisch besonders ehrlich macht. Die Streuung ist bei den einzelnen Setzarten dagegen sehr verschieden.

Spiel Hausvorteil
Roulette, einfache Null 2,70 %
Roulette, doppelte Null (amerikanisch) 5,26 %
Black Jack bei optimaler Strategie 0,4 bis 0,8 %
Baccarat, Bank 1,06 %
Craps, Pass Line 1,41 %
Spielautomaten 3 bis 15 %
Sportwetten (Marge des Buchmachers) 4 bis 8 %
Lotterien 50 bis 60 %

Die Zeile der Sportwetten steht hier nur zum Vergleich: Dort heißt dieselbe Größe Marge und ergibt sich nicht aus der Spielkonstruktion, sondern aus den gesetzten Quoten — siehe Wetten.

Bei Ziehungsspielen ergibt sich die Wahrscheinlichkeit aus der Kombinatorik. Die Zahl der Möglichkeiten, aus nn Zahlen kk zu ziehen, ist der Binomialkoeffizient

(nk)=n!k!(nk)!\binom{n}{k} = \frac{n!}{k! \, (n-k)!} (3)

Für das österreichische Lotto „6 aus 45" sind das (456)=8145060\binom{45}{6} = 8\,145\,060 Tippreihen; die Wahrscheinlichkeit für sechs Richtige ist der Kehrwert. Für tt Richtige gilt die hypergeometrische Verteilung:

P(t)=(kt)(nkkt)(nk)P(t) = \frac{\binom{k}{t} \cdot \binom{n-k}{k-t}}{\binom{n}{k}} (4)

Behelf: Erwartungswert und Hausvorteil#

Volatilität und Spielverlauf#

Der Erwartungswert sagt, wohin es geht; die Standardabweichung sagt, wie weit der Weg dorthin ausschlägt. Nach NN Spielen mit dem Einsatz EE je Spiel gilt für Erwartungswert und Streuung des Ergebnisses

μN=NEhσN=Eσ1N\mu_N = -N \cdot E \cdot h \qquad\qquad \sigma_N = E \cdot \sigma_1 \cdot \sqrt{N} (5)

mit dem Hausvorteil hh und der Standardabweichung σ1\sigma_1 je Spiel (in Einsätzen). Der entscheidende Punkt steckt in den Wurzeln: Der Verlust wächst linear mit der Zahl der Spiele, die Streuung nur mit der Wurzel. Kurzfristig kann jeder gewinnen — der Zufall überdeckt den Hausvorteil —, langfristig verliert jeder, weil der Hausvorteil die Streuung überholt. Die Zahl der Spiele, ab der ein Gewinn unwahrscheinlich wird, liegt bei

N(σ1h)2N^{*} \approx \left(\frac{\sigma_1}{h}\right)^{2} (6)

Bei einem Automaten mit 5 % Hausvorteil und σ1=10\sigma_1 = 10 sind das rund 40.000 Spiele — bei 600 Spielen in der Stunde etwa 67 Stunden. Bei einem Roulette-Einsatz auf Rot (σ11\sigma_1 \approx 1, h=0,027h = 0{,}027) sind es dagegen nur rund 1.400 Coups.

Spielgeschwindigkeit. Der erwartete Verlust je Stunde ist das Produkt aus Einsatz, Spielen je Stunde und Hausvorteil. Ein Automat mit 1 Euro Einsatz, 600 Spielen in der Stunde und 5 % Hausvorteil kostet 30 Euro in der Stunde — nicht 5 Cent, wie die Auszahlungsquote von 95 % nahelegen könnte. Die Geschwindigkeit ist der Hebel, mit dem der scheinbar kleine Hausvorteil wirksam wird; sie ist deshalb der Grund, warum Automatenspiel und Lotterie trotz ähnlicher Quoten nicht dasselbe Suchtpotential haben.

Behelf: Spielverlauf und Stundenverlust#

Zur Verwendung im Verfahren#

Die Kennzahlen tragen unterschiedlich weit. Der Hausvorteil ist eine mathematische Eigenschaft des Spiels und im Regelfall unstrittig. Die Volatilität hängt von der konkreten Auszahlungstabelle ab und muss aus dieser abgeleitet werden; eine Angabe „hoch" oder „mittel" in der Spielbeschreibung ist kein Wert. Der erwartete Stundenverlust ist keine Prognose für den Einzelfall, sondern ein Mittelwert über sehr viele Stunden — für die Frage der Vermögensschädigung ist er gleichwohl die belastbarste verfügbare Größe, während die tatsächliche Bilanz eines Spielers aus den Transaktionsdaten zu rekonstruieren ist.

Siehe auch Methodenkritik im Gutachten zu Wahrscheinlichkeitsaussagen im Verfahren, Wetten zur Quotenrechnung und Glücksspiel und Wetten zur Abgrenzung.

Glücksspiel und Wetten#

Die Kategorie umfasst zwei Gegenstände, die dieselbe Mathematik und verschiedene Datenlagen haben. Diese Notiz hält fest, worin sie sich unterscheiden, welche Größen in beiden dieselben sind und wo die Grenze in der Praxis unscharf verläuft. Die Rechnungen selbst stehen in Glücksspiel und in Wetten.

Die Abgrenzung ist hier eine tatsächliche, keine rechtliche: Es geht darum, woher die Unsicherheit kommt und wie sich der Vorteil des Anbieters bildet. Die Einordnung nach dem Glücksspielrecht folgt eigenen Begriffen und bleibt außerhalb dieses Vaults.

Woher der Zufall kommt#

Der Unterschied lässt sich auf einen Satz bringen: Beim Glücksspiel erzeugt der Anbieter den Zufall, bei der Wette beobachtet er ihn.

Beim Glücksspiel ist der Zufallsmechanismus Teil des Produkts — das Rad, der Kartenstapel, der Zufallsgenerator des Automaten. Seine Verteilung ist konstruiert und daher exakt bekannt; der Erwartungswert ist keine Schätzung, sondern eine Rechnung. Wer die Auszahlungstabelle hat, kennt den Hausvorteil auf die Nachkommastelle.

Bei der Wette liegt das Ereignis außerhalb der Reichweite beider Seiten — ein Rennen, ein Spiel, ein Wahlausgang. Seine Verteilung ist niemandem bekannt; beide Seiten schätzen sie. Der Anbieter sichert sich seinen Anteil deshalb nicht über die Konstruktion des Zufalls, sondern über die Quote: Er stellt sie so, dass die Summe der Kehrwerte über eins liegt. Daraus folgt der praktisch wichtigste Unterschied: Beim Glücksspiel ist Vorwissen wertlos, weil es nichts zu wissen gibt. Bei der Wette entscheidet auf lange Sicht das Gefälle des Vorwissens zwischen Wettendem und Anbieter — siehe Wetten › Proportionales Wetten.

Merkmal Glücksspiel Wette
Quelle der Unsicherheit vom Anbieter erzeugt äußeres Ereignis
Verteilung konstruiert, exakt bekannt unbekannt, von beiden Seiten geschätzt
Gegenpartei der Anbieter (Bank) der Buchmacher oder die übrigen Wettenden
Preis steht fest mit der Auszahlungstabelle mit der Quote bei Abschluss (Buchmacher) oder erst nach Wettschluss (Totalisator)
Vorteil des Anbieters heißt Hausvorteil, 1RTP1 - RTP Marge, 11/R1 - 1/R
typische Größenordnung 0,5 bis 15 % (Lotterien 50 bis 60 %) 4 bis 8 % je Einzelwette
Sachkenntnis des Spielers ohne Einfluss auf den Erwartungswert1 maßgeblicher Einfluss
Zahl der Wiederholungen sehr hoch (bis 600 Spiele je Stunde) niedrig (Ereignisse dauern)
Beleglage im Verfahren Auszahlungstabelle, Spielprotokoll Wettschein, Kontoauszug

Die letzte Zeile hat eine Folge für die Beweisführung, die leicht übersehen wird: Der Erwartungswert eines Automatenspiels ist aus dem Gerät heraus berechenbar, der Erwartungswert einer einzelnen Wette nicht. Wer behauptet, eine Wette habe einen positiven Erwartungswert gehabt, behauptet damit zugleich, seine Einschätzung sei besser gewesen als die des Buchmachers — und diese Behauptung ist zu begründen.

Was beide teilen#

Alles, was nach der Festlegung des Preises kommt, ist in beiden Fällen dieselbe Rechnung.

Ein Vorteil unter zwei Namen. Hausvorteil und Marge messen dasselbe: den Anteil des Umsatzes, der beim Anbieter bleibt. Nur der Weg dorthin ist verschieden, und die Umrechnung zwischen den beiden gebräuchlichen Schreibweisen lautet

h=11RR=11hh = 1 - \frac{1}{R} \qquad\qquad R = \frac{1}{1-h} (1)

mit dem Overround RR als Summe der Quotenkehrwerte. Ein Overround von 12 % entspricht einer Marge von 10,71 %; umgekehrt entspräche der Hausvorteil des Roulettes von 2,70 % einem Overround von 2,78 %. Wer beide Werte nebeneinanderstellt, muss sie also erst auf dieselbe Schreibweise bringen — sonst vergleicht er 12 mit 2,7 und meint 10,7 mit 2,7.

Umsatz statt Einzahlung. Der Vorteil des Anbieters greift auf jeden Einsatz, nicht auf den eingezahlten Betrag. Wer 100 Euro zwanzigmal umsetzt, verliert bei 5 % erwartungsgemäß 64 Euro, nicht 5. Das gilt für den Automaten wie für den Wiedereinsatz eines Wettgewinns.

Verlust linear, Streuung mit der Wurzel. Über NN Spiele wächst der erwartete Verlust mit NN, die Streuung nur mit N\sqrt{N}. Kurzfristig kann jeder gewinnen, langfristig niemand — sofern der Erwartungswert negativ ist. Ausgeführt in Glücksspiel › Volatilität und Spielverlauf.

Der Einsatz als Anteil des Kapitals. Das Kelly-Kriterium für die einzelne Wette und das proportionale Wetten über mehrere Ausgänge sind dieselbe Regel in zwei Formen; beide gelten nur bei positivem Erwartungswert und sind daher beim Glücksspiel gegenstandslos. Siehe Wetten › Quoten und Overround.

Häufigkeit als Hebel. Ein kleiner Vorteil des Anbieters wird durch Wiederholung wirksam. Deshalb ist der Automat mit 600 Spielen in der Stunde und 5 % Hausvorteil teurer als die Wette mit 8 % Marge auf ein Spiel, das neunzig Minuten dauert — nicht wegen der Prozentzahl, sondern wegen der Frequenz. Live- und Ereigniswetten nähern die Wette in diesem Punkt dem Glücksspiel an.

Zusammenfassen potenziert den Vorteil. Werden nn unabhängige Wetten zu einer verknüpft, multipliziert sich der Ausschüttungsanteil zu AnA^n: 6 % Marge je Einzelwette werden über sechs Spiele zu 31 %. Dieselbe Rechnung trägt jedes Produkt, das mehrere Einzelrisiken bündelt. Siehe Wetten › Die Marge potenziert sich.

Dieselben Denkfehler. Der Spielerfehlschluss („Rot muss jetzt kommen"), die Verwechslung von Auszahlungsquote und Verlustquote, das Rosinenpicken der erinnerten Gewinne und die versunkenen Kosten des bisher Verspielten treten auf beiden Seiten auf. Siehe Fehlschlüsse mit Zahlen und Fehlschlüsse über Belege.

Größe im Glücksspiel in der Wette
Anteil des Anbieters Hausvorteil h=1RTPh = 1 - RTP Marge 11/R1 - 1/R
Preisangabe Auszahlungstabelle Dezimalquote qjq_j
implizite Wahrscheinlichkeit aus der Spielkonstruktion r^j=(1/qj)/R\hat{r}_j = (1/q_j)/R
Streuung Volatilität σ1\sigma_1 in Einsätzen aus Quote und eigener Schätzung
Einsatzregel keine (kein positiver Erwartungswert) Kelly, proportionales Wetten
Behelfe Glücksspiel › Behelf: Erwartungswert und Hausvorteil Wetten › Behelf: Quoten und Overround

Grenzfälle#

Die Trennung ist ein Modell, und wie jedes Modell hat sie Ränder.

Virtuelle Sportarten und Zahlenwetten. Im Wettbüro angebotene „Rennen" oder Zahlenziehungen, deren Ausgang ein Zufallsgenerator bestimmt, sind der Form nach Wetten und der Sache nach Glücksspiel: Der Anbieter erzeugt den Zufall wieder selbst, und der Erwartungswert steht fest.

Poker und andere Spiele der Teilnehmer untereinander. Hier spielt niemand gegen den Anbieter; dieser behält einen festen Anteil des Pots (Rake). Die Rechnung entspricht der Totalisatorwette: fester Abzug, kein Ergebnisrisiko des Veranstalters, das Ergebnis der Teilnehmer verteilt sich untereinander. Sachkenntnis wirkt daher wie bei der Wette — gegen die Mitspieler, nicht gegen den Anbieter.

Wetten auf Ereignisse ohne Fachkundige. Bei einer Wette auf einen Wahlausgang oder das Wetter gibt es kein Vorwissen, das systematisch besser wäre als der Markt. Der Wettende steht dann faktisch wie beim Glücksspiel da, obwohl der Mechanismus ein anderer ist.

Geschicklichkeitsanteile am Automaten. Bedienelemente, die den Ausgang beeinflussen sollen, ändern in aller Regel den Erwartungswert nicht; er ist in der Auszahlungstabelle festgelegt. Wo Geschicklichkeit tatsächlich wirkt, muss sie sich in dieser Tabelle abbilden lassen — sonst ist sie Gestaltung, nicht Mathematik.

Finanzprodukte mit Wettstruktur. Differenzkontrakte und Binäroptionen haben die Struktur der Buchmacherwette: fester Preis, Gegenpartei der Anbieter, dessen Anteil im Spread steckt. Die Kennzahlen dieser Notiz sind dort unmittelbar anwendbar.

Lotterie und Tombola. Ziehungsspiele mit sehr hohem Anbieteranteil und sehr wenigen Wiederholungen je Teilnehmer. Der Erwartungswert ist der schlechteste aller hier behandelten Spiele, die Frequenz aber so niedrig, dass der Stundenverlust klein bleibt — der Grund, warum Erwartungswert und Gefährdungspotential auseinanderfallen können.

  1. Ausgenommen Spiele mit Entscheidungen des Spielers, bei denen eine optimale Strategie existiert — Black Jack etwa. Auch dort verbessert die Strategie den Erwartungswert nur bis zu einer Grenze, die weiterhin negativ ist.

Wetten#

Behelf: Quoten und Overround · Behelf: Kombischein

Die Rechengrundlagen der Wette auf ein Ereignis, das außerhalb des Anbieters liegt: Dezimalquote, Overround und Marge, die beiden Abrechnungsarten und der Kombischein. Das Spiel gegen einen selbst erzeugten Zufall steht in Glücksspiel; die gemeinsamen Größen und die Abgrenzung in Glücksspiel und Wetten.

Quoten und Overround#

Bei Sportwetten setzt der Buchmacher Dezimalquoten qjq_j fest. Ihr Kehrwert ist die implizite Wahrscheinlichkeit, doch die Summe dieser Kehrwerte übersteigt eins:

R=j1qj>1R = \sum_{j} \frac{1}{q_j} > 1 (1)

Der Überschuss R1R - 1 heißt Overround; der Anteil des Buchmachers am Umsatz ist die Marge 11/R1 - 1/R. Die auf eins normierten Kehrwerte r^j=rj/R\hat{r}_j = r_j / R sind die vom Buchmacher unterstellten Wahrscheinlichkeiten.

Für die Einsatzhöhe bei einem als vorteilhaft erkannten Spiel gibt das Kelly-Kriterium1 den Anteil des Kapitals an, der langfristig das größte Wachstum bringt:

f=pq1q1f^{*} = \frac{p \cdot q - 1}{q - 1} (2)

mit der eigenen Wahrscheinlichkeitsschätzung pp und der Dezimalquote qq. Ist f0f^{*} \le 0, hat die Wette keinen positiven Erwartungswert. In der Praxis wird meist mit dem halben Kelly-Anteil gesetzt, weil die Schätzung von pp selbst fehlerbehaftet ist und ein zu hoher Einsatz das Kapital rascher aufzehrt, als der Vorteil es wieder aufbaut.

Totalisator- und Buchmacherwette#

Wetten werden auf zwei grundverschiedene Arten abgerechnet. Der Unterschied entscheidet, wer das Risiko des Ausgangs trägt und wann die Quote feststeht.

Bei der Buchmacherwette (Festquotenwette) stellt der Buchmacher die Quoten selbst. Die im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses vereinbarte Quote gilt, auch wenn sich der Markt danach dreht. Der Buchmacher ist Gegenpartei der Wette und trägt das Ergebnisrisiko: Trifft der von ihm unterschätzte Ausgang ein, zahlt er mehr aus, als er eingenommen hat. Er steuert dieses Risiko über den Overround und über das Nachziehen der Quoten bei einseitigem Einsatzaufkommen. Nur bei einem ausgeglichenen Buch — die Einsätze verteilen sich genau im Verhältnis der Kehrwerte — ist sein Ertrag die kalkulierte Marge; sonst schwankt er mit dem Ergebnis.

Bei der Totalisatorwette (Pari-mutuel, im Pferdesport die Regel) wettet niemand gegen den Veranstalter, sondern alle Teilnehmer gegeneinander. Sämtliche Einsätze fließen in einen Pool PP; davon behält der Veranstalter einen im Voraus festgelegten Abzug tt ein, der Rest wird auf die Gewinnkarten verteilt. Die Quote für den Ausgang jj ergibt sich erst nach Wettschluss aus den Einsätzen EjE_j:

qj=(1t)PEjq_j = \frac{(1-t) \cdot P}{E_j} (3)

Der Veranstalter trägt hier kein Ergebnisrisiko — sein Ertrag ist tPt \cdot P, gleichgültig, wer gewinnt. Dafür kennt der Wettende beim Setzen seine Quote nicht: Bis zum Wettschluss werden nur Richtquoten angezeigt, und jeder weitere Einsatz auf denselben Ausgang senkt die eigene Quote.

Der Overround ist beim Totalisator keine Kalkulation, sondern folgt zwangsläufig aus dem Abzug:

R=j1qj=jEj(1t)P=11tR = \sum_j \frac{1}{q_j} = \sum_j \frac{E_j}{(1-t)P} = \frac{1}{1-t} (4)

Die Marge 11/R1 - 1/R ist damit genau tt. Und die normierten Kehrwerte sind hier nicht die Einschätzung eines Buchmachers, sondern die Einsatzanteile — also die Meinung der Wettenden selbst.

Merkmal Buchmacherwette Totalisatorwette
Gegenpartei der Buchmacher die übrigen Wettenden
Quote steht fest bei Vertragsabschluss nach Wettschluss
Ergebnisrisiko trägt der Buchmacher die Wettenden
Ertrag des Anbieters Overround, schwankend fester Abzug tPt \cdot P
implizite Wahrscheinlichkeit Einschätzung des Buchmachers Einsatzanteil aller Wettenden
Overround kalkuliert, meist 5 bis 20 % 11t1\frac{1}{1-t} - 1, zwingend

Ein Zahlenbeispiel: Bei einem Pool von 100.000 € und einem Abzug von 20 % werden 80.000 € ausgeschüttet. Sind davon 25.000 € auf ein Pferd gesetzt, beträgt dessen Endquote 80.000/25.000=3,2080.000 / 25.000 = 3{,}20. Ihr Kehrwert 31,25%31{,}25\,\% ist die implizite Wahrscheinlichkeit einschließlich Abzug; normiert (31,25%/1,2531{,}25\,\% / 1{,}25) bleiben 25%25\,\% — genau der Einsatzanteil. Wer 1.000 € auf dieses Pferd nachsetzt, drückt dessen Quote auf 101.0000,8/26.0003,11101.000 \cdot 0{,}8 / 26.000 \approx 3{,}11 — auch für sich selbst.

Behelf: Quoten und Overround#

Kombinationswetten#

Eine Kombinationswette (kumulative Wette, Kombischein, Akkumulator) fasst mehrere voneinander unabhängige Einzelwetten zu einer einzigen Wette zusammen. Sie gewinnt nur, wenn jede der enthaltenen Vorhersagen zutrifft; ein einziger Fehltipp macht den ganzen Schein wertlos. Die Zahl der zusammengefassten Spiele heißt Kumulationsgrad.

Gerechnet wird multiplikativ. Bei nn Einzelwetten mit den Quoten qiq_i und den Trefferwahrscheinlichkeiten pip_i gilt

qges=i=1nqipges=i=1npiq_{ges} = \prod_{i=1}^{n} q_i \qquad p_{ges} = \prod_{i=1}^{n} p_i (5)

Die zweite Formel setzt Unabhängigkeit voraus — bei Spielen derselben Liga, bei Wetter- oder Verletzungslagen, die mehrere Partien gleichzeitig betreffen, ist sie verletzt.

Der Reiz des Kombischeins liegt in der ersten Formel, sein Preis in der zweiten. Vier Einzelwetten zu je 1,90 ergeben eine Gesamtquote von 13,03 — bei je 55 % Trefferwahrscheinlichkeit trifft der Schein aber nur in 0,554=9,2%0{,}55^4 = 9{,}2\,\% der Fälle zu.

Die Marge potenziert sich#

Entscheidend für die Beurteilung ist, was mit dem Vorteil des Anbieters geschieht. Behält er je Einzelwette den Anteil 1A1 - A ein, ist AA der Erwartungswert je eingesetztem Euro. Über nn multiplizierte Einzelwetten wird daraus

Ages=AnA_{ges} = A^{n} (6)

Bei einem Ausschüttungsanteil von 94 % je Einzelwette bleiben über sechs Spiele 0,946=68,99%0{,}94^6 = 68{,}99\,\%; die Marge steigt von 6 auf 31 %. Ein Kombischein ist damit kein besonders gutes, sondern ein besonders teures Produkt — und zwar ohne dass der Anbieter die einzelne Quote verschlechtern müsste. Das ist der Grund, warum Kombiwetten beworben und Einzelwetten nicht beworben werden.

Zugleich fällt die Gewinnwahrscheinlichkeit mit wachsendem Kumulationsgrad rasch, selbst bei sehr gut vorhersagbaren Spielen. Wer sechs Partien mit 90 % und vier mit 99 % Sicherheit trifft, gewinnt seinen Zehnerkombi nur mit 0,960,994=51,0%0{,}9^6 \cdot 0{,}99^4 = 51{,}0\,\%. Nimmt er zwei weitere Spiele dazu, die er nur mit 80 % einschätzt, sinkt der Wert auf 32,7%32{,}7\,\% — die beiden Zusatzspiele kosten ein Drittel der Trefferaussicht. Jenseits eines Kumulationsgrades von etwa zehn Spielen bleibt vom Einfluss des Sachverstandes wenig übrig, und der Zufall trägt das Ergebnis.

Proportionales Wetten#

Wer auf ein Ereignis mit mehreren Ausgängen setzt, kann sein Kapital aufteilen. Sei bjb_j der Anteil des Kapitals, den er auf den Ausgang jj setzt, mit jbj=1\sum_j b_j = 1. Nach NN Spielen ist sein Kapital das Produkt der jeweils erzielten Faktoren bjqjb_j q_j; logarithmiert und durch NN geteilt, strebt es nach dem Gesetz der großen Zahlen gegen die Verdoppelungsrate

W=jpjlog(bjqj)W = \sum_{j} p_j \log \left( b_j \, q_j \right) (7)

Sie ist die Wachstumsrate des Kapitals je Spiel und wird — bei gegebenen Quoten — genau dann maximal, wenn bj=pjb_j = p_j gilt: wenn der Spieler sein Kapital also proportional zu den Wahrscheinlichkeiten verteilt, die er den Ausgängen selbst beimisst. Jede Abweichung davon kostet Wachstum, gleichgültig in welche Richtung. Für den Grenzfall einer einzelnen Wette geht die Regel in das oben genannte Kelly-Kriterium über.

Stellt man WW mit den normierten Kehrwerten r^j\hat{r}_j des Buchmachers dar, wird sichtbar, wovon der Erfolg auf lange Sicht abhängt: Der Spieler wächst genau dann, wenn seine eigene Einschätzung näher an der Wirklichkeit liegt als die des Buchmachers — und zwar um mehr als logR\log R. Der Overround ist damit nicht bloß eine Gebühr, sondern der Vorsprung, den der Spieler an Information erst aufholen muss, bevor er überhaupt zu gewinnen beginnt. Was am Ende über Gewinn und Verlust entscheidet, ist nicht der Zufall allein, sondern das Gefälle des Vorwissens zwischen beiden Seiten.

Der Kombischein steht dieser Strategie nicht entgegen, auch wenn es zunächst so aussieht: Wer mit einem Einsatz mehrere Spiele bezahlt, scheint sein Kapital nicht mehr je Spiel aufteilen zu können. Er kann es aber mittelbar — indem er für jede mögliche Ergebniskombination einen eigenen Schein ausfüllt und darauf das Produkt der gewünschten Einzelanteile setzt. Summiert man über alle Scheine, die für ein bestimmtes Spiel denselben Ausgang enthalten, bleibt genau der für dieses Spiel vorgesehene Anteil übrig. Praktisch begrenzt sich das von selbst: Bei drei möglichen Ausgängen und vier Spielen sind das 81 Scheine, bei sieben Spielen schon 2.187.

Behelf: Kombischein#

Für jedes Spiel die angebotene Quote und die eigene Einschätzung, wie wahrscheinlich der getippte Ausgang eintritt. Die Spalte je € zeigt, was die einzelne Wette je eingesetztem Euro im Mittel zurückbringt: Werte unter 1 sind die Marge des Anbieters, Werte über 1 ein eigener Vorteil. Verglichen wird der Kombischein mit demselben Betrag, gleichmäßig auf die Einzelwetten aufgeteilt.

Zur Verwendung im Verfahren#

Die Größen dieser Notiz sind verschieden gut belegbar. Quoten, Overround und Marge lassen sich aus dem Wettschein oder dem Kontoauszug des Anbieters nachrechnen und sind insoweit unstrittig; beim Totalisator folgt die Marge zwingend aus dem Abzug tt. Die Trefferwahrscheinlichkeit dagegen ist keine Eigenschaft des Spiels, sondern eine Schätzung — jede Aussage über den Erwartungswert einer einzelnen Wette hängt daran und ist ohne Angabe der Schätzgrundlage wertlos. Der Kumulationsgrad eines Kombischeins und die daraus folgende potenzierte Marge sind wieder reine Rechnung.

Aus den Transaktionsdaten eines Wettkontos ist die tatsächliche Bilanz zu rekonstruieren; maßgeblich ist auch hier der Umsatz, nicht der eingezahlte Betrag. Zur Belastbarkeit von Wahrscheinlichkeitsaussagen Methodenkritik im Gutachten, zur Sicherung und Auswertung der Kontodaten Digitale Spuren.

Siehe auch Glücksspiel zu Hausvorteil und Volatilität und Glücksspiel und Wetten zur Abgrenzung.

  1. Benannt nach John Larry Kelly jr. (1923–1965), Physiker bei den Bell Labs — einen deutschsprachigen Artikel über die Person gibt es nicht, wohl aber über die Formel: Kelly-Formel. Die Regel steht in A New Interpretation of Information Rate (Bell System Technical Journal 35/1956, 917) und beantwortet dort keine Wettfrage, sondern eine informationstheoretische aus dem Umfeld Claude Shannons: Was ist ein Kanal wert, über den vorab etwas über den Ausgang eines Rennens bekannt wird? Die Antwort — jenen Kapitalanteil setzen, der die Wachstumsrate des Logarithmus maximiert — ist als Einsatzregel in die Wettliteratur übergegangen. Ein Totalverlust ist dabei ausgeschlossen, weil stets nur ein Bruchteil im Spiel ist; der Preis dafür ist ein unruhiger Verlauf, weshalb in der Praxis mit dem halben Anteil gesetzt wird.